11. September 2026 | GRAND GARAGE/Nova Zone Linz
Das 6. Mädchen* & Technik Netzwerktreffen brachte Fachexpertise aus Wissenschaft, Schule, außerschulischer MINT-Bildung und Bildungsinstitutionen in der inspirierenden Nova Zone der GRAND GARAGE Linz zusammen.
Technik prägt unseren Alltag – häufig unbemerkt. Schulische Technikbildung muss diese Zusammenhänge erfahrbar machen und direkte Bezüge zur Lebenswelt der Kinder herstellen.
Mädchenförderung in MINT bedeutet nicht, Mädchen an unpassende Strukturen, an eine bestehende, historisch gewachsene „Technikwelt“ anzupassen. Technik, Lernräume und Berufsorientierung müssen so gestaltet werden, dass Mädchen* ganz selbstverständlich dazugehören und sich als Gestalterinnen erleben.
Dieser Prozess beginnt in der Volksschule mit alltagsnahen, sinnstiftenden Erfahrungen. Er setzt sich fort in einem erweiterten Technikverständnis, benötigt Lernräume mit positiver Fehlerkultur und lebt von Role Models sowie Zugehörigkeit statt Konkurrenz. Zudem müssen Eltern als zentrale Einflussfaktoren aktiv eingebunden werden.
Daraus ergibt sich eine durchgängige Wirkungskette:
Frühkindliche Erfahrungen → Selbstwirksamkeit → Zugehörigkeit → Technisches Selbst- und Fremdbild → Bildungs- und Berufsorientierung
Hier wirken stereotype Vorstellungen leider an vielen Stellen hinderlich – bei Kindern, Eltern, Pädagog*innen, Institutionen und letztlich auch in unserem Verständnis davon, was überhaupt als „Technik“ gilt.


Keynotes & Impulse
Magdalena Rölz – Wie denken Eltern MI(N)T?
Magdalena Rölz präsentierte die Ergebnisse einer aktuellen Studie der MINTality Stiftung zur Bildungs- und Berufsorientierung. Befragt wurden 1.374 Eltern von Töchtern (10–19 Jahre) sowie 471 Eltern, die ausschließlich Söhne haben. Zudem wurde untersucht, ob Informationsvideos die Bereitschaft erhöhen, Zeit und Geld in die MINT-Förderung von Töchtern zu investieren.
- Stereotype und Vorbehalte: Geschlechtsspezifische MINT-Muster sind bei Eltern tief verankert und bremsen die Förderung von Töchtern spürbar. Zweifel an Arbeitsbedingungen, Jobsicherheit und Vereinbarkeit mindern die Attraktivität von MINT-Berufen zusätzlich.
- Wirkung von Information: Ein Kurzfilm über realistische MINT-Karrieren steigerte die Investitionsbereitschaft zunächst. Da in der Folgeerhebung jedoch keine nachhaltige Einstellungsänderung messbar war, zeigt sich: Einzellösungen reichen nicht aus.
- Fazit: Gezielte Information wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie kontinuierlich vermittelt und direkt mit konkreten Handlungsangeboten verknüpft wird.
Daraus ergeben sich klare Handlungsempfehlungen: Eltern als Partner*innen auf Augenhöhe einbinden, Informationen niederschwellig aufbereiten, positive Narrative schaffen, praktische Erfahrungen ermöglichen und verstärkt auf sichtbare weibliche Vorbilder setzen.
Link zur Studie: mintality.at/wie-denken-eltern-mint
Kristina Hauer – Technik und Design beginnt bereits in der Volksschule
„Frauen müssen nicht an den Tisch der Technik geholt werden. Sie müssen den Tisch mitbauen.“
— Anita Borg
Kristina Hauer verdeutlichte am Beispiel des Schulfachs Technik und Design, wie früh technische Selbstbilder geprägt werden. Da sich geschlechtsspezifische Rollenbilder bereits zwischen dem 7. und 10. Lebensjahr verfestigen, darf Mädchenförderung nicht erst bei der späteren Berufsorientierung ansetzen, sondern muss spätestens mit dem Schuleintritt beginnen.
Technik wurde dabei bewusst alltagsnah und greifbar definiert: nicht als starres Expert*innenwissen, sondern als erfahrbare Gestaltung der eigenen Umwelt und als aktiver Prozess des Erfindens.
Für eine gendersensible Didaktik hob sie drei zentrale Elemente hervor:
- Sinnkontext: Wofür löse ich ein Problem und warum ist das relevant?
- Kollaboration: Technik als gemeinsames Entwickeln verstehen – statt als Wettbewerb.
- Fehlerkultur: Ausprobieren, Scheitern, Korrigieren und neu Ansetzen als Lernprozess begreifen.
Ergänzt wird dies durch vielfältige Zugänge, eine inklusive Material- und Bildsprache sowie den bewussten Umgang mit Expert*innenrollen.
Roberta Erkinger – Technik und Design in der Sekundarstufe: Was verstehen wir eigentlich unter „Technik“?
Roberta Erkinger beleuchtete die Perspektive der Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) und des Faches Technik und Design. Die Zusammenführung von technischem und textilem Werken bietet die Chance, starre Material- und Verfahrensgrenzen aufzubrechen. Schüler*innen planen, entdecken, tüfteln, entwerfen, experimentieren, organisieren, bauen, gestalten, reflektieren und diskutieren – völlig losgelöst von gewohnten Materialkategorien.
Damit verbunden ist eine fundamentale Leitfrage:
„Wie bekommen wir Mädchen in die Technik?“ – oder müssen wir zuerst fragen: „Was zählen wir überhaupt zur Technik?“*
Dies verschiebt den Blickwinkel weg von einem vermeintlichen Defizit der Mädchen* hin zum Fachverständnis selbst. Wird Technik zu eng über bestimmte Maschinen, handwerkliche Verrichtungen oder traditionell männlich konnotierte Bereiche definiert, entstehen Hürden bereits durch die Definition.
Marion Starzacher – Technik und Design in der Ausbildung: Welchen Beitrag leisten Ausbildende?
Marion Starzacher visualisierte die Wechselwirkungen zwischen schulischen Lehrplänen, Ausbildungscurricula und den Lehrenden als handelnden Personen. Ein zentraler Fokus lag dabei auf der Bedeutung des sozialen Lernens als Grundvoraussetzung für erfolgreiche Bildungsprozesse.
Die Vernetzung aller Schlüsselakteure – Eltern, Peergroup und Lehrende – sowie das Erarbeiten eines gemeinsamen Ziels stellen eine Herausforderung dar, sind jedoch essentiell für den Lernerfolg.
Hier schloss sich der Kreis zu den Erkenntnissen des Vormittags: „Ich als handelnde Person besitze eine Wirkkraft, die sich sowohl positiv als auch negativ auf Lernende auswirken kann.“
Maria Maurer – Das Technische Museum Wien als gendersensibler Erlebnis- und Lernort
Maria Maurer präsentierte das Technische Museum Wien als modernen Erlebnisort. Das Museum versteht Technikvermittlung als niederschwellig, gendersensibel und nachhaltig – an der Schnittstelle von Bildung, Kultur und Technologie.
Ein zentraler Ansatz der MINT-Vermittlung ist es, Technik nicht nur passiv zu betrachten, sondern aktiv zu erfahren. Neugier, Vorbilder und eigene Handlungsspielräume gelten als Schlüsselelemente für nachhaltiges technisches Interesse.
Die Kernbotschaften an die Lernenden lauten:
„Ich kann das. Ich darf ausprobieren. Ich kann selbst gestalten. Ich darf Fehler machen.“
Pia Čukić – Imposter-Phänomen in MINT
Unter dem Imposter-Phänomen (Hochstapler-Syndrom) versteht man massive Selbstzweifel an der eigenen Kompetenz – trotz nachweisbarer Erfolge und Qualifikationen. Das Phänomen betrifft alle Geschlechter und kann bereits im Volksschulalter auftreten.
Im MINT-Bereich wirkt es sich besonders kritisch aus: Eine männlich geprägte Domäne, hoher Leistungsdruck, stereotype Erwartungen und ein mangelndes Zugehörigkeitsgefühl verstärken das Phänomen bei Frauen und Mädchen. Das Imposter-Erleben ist somit kein individuelles Unvermögen, sondern oft die direkte Reaktion auf strukturelle Barrieren und Ausschlusserfahrungen.
Die Folgen sind ein doppelter Rückzug: weniger aktive Beteiligung, selteneres Nachfragen und das Vermeiden von Lerngelegenheiten aus Angst vor Entlarvung. Wirksame Gegenmaßnahmen sind offene Lernkulturen, Anerkennung sowie strukturierte Austausch- und Unterstützungsformate. Insbesondere Mentoring, Peer-Support und sichtbare Role Models stärken das Zugehörigkeitsgefühl und die Selbstwirksamkeit.Damit zogen sich Selbstwirksamkeit und eine positive Fehlerkultur wie ein roter Faden durch den gesamten Tag.
Martina Aicher & Martina Minihuber – MINT- & Technik-Angebote der Arbeiterkammern (AK Wien & AK OÖ)
In ihrem gemeinsamen Vortrag stellten die Referentinnen praxisnahe Initiativen der Arbeiterkammern zur MINT-Vermittlung und Berufsorientierung vor.
- Martina Aicher (AK Wien) präsentierte Unterrichtsmaterialien für den Regelunterricht mit Fokus auf Berufsorientierung sowie Fortbildungsangebote für Pädagog*innen. Als Leuchtturmprojekt aller österreichischen Sozialpartner hob sie das Praxishandbuch Technik.Design.Werken hervor. Es bündelt praxisnahe Unterrichtsbeispiele gekoppelt mit Berufsorientierung über alle Jahrgangsstufen hinweg.
- Martina Minihuber (AK OÖ) stellte spezifische Angebote des Landes Oberösterreich vor, die Schüler*innen gezielt bei der künftigen Berufswahl unterstützen.
Die Kernbotschaft der Arbeiterkammern: Wirksame Berufsorientierung benötigt professionelle Unterstützung von außen sowie die Bereitschaft zur trägerübergreifenden Zusammenarbeit.

Die Mini-Workshops
Katrin Proprentner, PH Oberösterreich
Grundlegende Bewegungsmechanismen am Beispiel einer “magischen” Karte konnten erforscht und selbst gebaut werden.
Ein Infoblatt und die Schneidplotterdateien können direkt bei Katrin Proprentner angefragt werden: katrin.proprentner@ph-ooe.at
Valerie Moschner, Kunstuniversität Linz
Vorstellung und Erprobung ausgewählter von Studierenden entwickelten Toolkits “Crafting Futures – Werken Out of the Box”: Sie erschließen neue Zukünfte des Handwerks, machen das Handwerk der Zukunft zugänglich und tragen aktiv zu dessen Gestaltung bei. Die Toolkits können konkret in der Vermittlungsarbeit eingesetzt werden, da sie als „Box“ zur Verfügung gestellt werden und zugleich dazu anregen, „außerhalb der Box“ zu denken und neue Möglichkeiten des Werkens zu eröffnen. Download: https://craftingfutures.net/
Bernhard Böhmer und Christian Groß, PPH Augustinum
Vorstellung des Buches „Technik in der Primarstufe. Anregungen für fächerübergreifende und problemlösungsorientierte Unterrichtsbeispiele im Gesamtunterricht der Volksschule. Erster Teil“ sowie Erprobung einiger ausgewählter Beispiele, die in der Publikation beschrieben werden.
Buchpräsentation: https://pph-augustinum.at/fortbildung/symposien-tagungen-kongresse/symposium-wie-technik-kinder-stark-macht-16.10.2026-14-19.30-uhr/
Matthias Schoiswohl-Swajor, PH Niederösterreich
Das Strohhalm-Microcontroller-Set bietet einen ersten Einstieg in die Themen Coding und Robotik aus Technik und Design- Perspektive. Es besteht aus handelsüblichen Papierstrohhalmen und elektronischen Komponenten (Servos, Breakoutboard, Stromversorgung), die auch für andere Projekte verwendet werden können. Der Micro:bit ist bereits programmiert. Die Teilnehmer*innen sollen mit dem System Maschinen konstruieren und herausfinden, welche Bedienmöglichkeiten der Micro:bit bietet. Denn der tut momentan eher, was er will. Über diesen konstruktiven Zugang wird sehr schnell das Bedürfnis erzeugt, in den Code einzugreifen, um Abläufe beeinflussen zu können.
Christina Adorjan, Verein Technologykids & PH Wien
Haptische und optische Materialerfahrungen sammeln: ein “Haufen” an ganz unterschiedlichen Materialproben vom Mikrocontroller zum Fingerhut, vom Seidengespinst zum Klettverschluss… lädt zum Diskutieren ein – nach welchen Kriterien könnte hier sortiert werden? Was ist das überhaupt alles und aus welchen Rohstoffen wird das hergestellt? Muss das weggeworfen werden oder ist das schon Kreislaufwirtschaft?
Danach wird an einem Detailbild Rätsel getüftelt -ziehe eine Karte, und überlege, was es sein könnte – die Antwort liefert ein Stereomikroskop.
Marion Starzacher, bink (Initiative Baukulturelle Bildung für junge Menschen)
Lautlose Kommunikation mittels Chenilledrähten, um sich ohne sprachliche Barrieren miteinander über Baukultur austauschen zu können. Kreativität und Flexibilität sind wichtig, um einander zu verstehen. Als Grundlage dient die Dokumentation der Inititative Baukulturelle Bildung für junge Menschen, welche im Jahr 2025 zu diesem Thema ein Symposium im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig abgehalten hat. Link zur Nachlese: https://www.bink.at/get-involved-vii/
Wir freuen uns schon auf den Tagungsband, der alle Präsentationen und Workshopthemen im Detail abbilden wird!

Schreibe einen Kommentar